Pressespiegel
epd medien Nr. 67: Tagebuch - Pferd mit Spoilern
"Ihre Wahl! Die Sat.1
Arena" und die Interaktivität
(epd) Henry Ford hat mal gesagt, wenn er die Menschen nach Anregungen für neue Produkte gefragt hätte, hätten sich diese bloß schnellere Pferde gewünscht. So ist das mit wirklichen Innovationen, sie richten sich gerade nicht am augenblicklichen Erwartungshorizont aus.
Wenn man betrachtet, wie sich politische Talkformate im Fernsehen dieser Tage nach dem vermeintlichen Zeitgeist strecken, kommen einem bei den Ergebnissen mit Henry Ford im Hinterkopf unweigerlich Pferde mit Spoilern in den Sinn. Ob die Wünsche des Zuschauers dabei vorher erfragt oder nur ermutmaßt wurden, bleibt offen.
Der Zeitgeist besteht in diesem Fall aus der angenommenen Pflicht, die interaktiven Möglichkeiten des Internets im Fernsehen einzubinden. Zuletzt war dies in "Ihre Wahl! Die Sat.1 Arena" zu besichtigen, dem Versuch des Senders, das private Talkshow-Brachland neu zu bestellen, auf dem in den Neunzigern Erich Böhme seinen "Talk im Turm" abgehalten hatte. Sabine Christiansen und Stefan Aust hatten als Gesprächsopponenten Karl Theodor zu Guttenberg und Oskar Lafontaine geladen und alles hätte gut werden können.
Weil jedoch die Bundestagswahl vor der Tür steht und Barack Obama das Internet für seinen Wahlkampf im letzten Jahr erfolgreich zu nutzen verstand, sehen viele Senderverantwortliche offenbar dringend Handlungsbedarf. Maybrit Illner etwa versucht in "Illner Intensiv" nun doppelt so viele Fragen in der Hälfte der Sendezeit unterzubringen, plus Publikumsfragen, plus Einbindung von Zuschauern via YouTube. "Spiegel Online" sprach nach der ersten Sendung von einem "Wirrwarr" und in "Ihre Wahl!" ging es ähnlich zu. So wie Guttenberg von den Moderatoren erst stehend, dann sitzend befragt wurde, wusste auch die Sendung thematisch wie medial nicht, was und wohin sie wollte.
Egal, ob es dabei um die Schalte in das Wohnzimmer eines Popsängers ging, um videoleinwandgroße Twitter-Meldungen oder ein hart am Rande der Selbstparodie schrammendes Laufband mit SMS-Kommentaren, die Ausflüge in die Interaktivität bringen in Talkshows nur selten Erkenntnisgewinne. Und wenn überhaupt, dann keine, die der Zuschauerpost überlegen wären, die Brigitte Büscher in "Hart aber fair" en bloc verliest. Grundsätzlich zerfasert das konfuse Gehopse zwischen Gästen, Themen und Medieninhalten den großen Vorzug einer gutgemachten Fernsehsendung: ihre Linearität.
Nicht umsonst beschränkt sich "Busch@n-tv" - gewissermaßen die Grande Dame interaktiver Gesprächsformate ? wie früher Sandra Maischberger auf einen einzigen Gast. Ein Gespräch besteht ja im Idealfall nicht nur aus einem Pingpong-Spiel kurzer Fragen und Antworten. Ein Gespräch entwickelt sich. Man kann Politikern schwerlich vorwerfen, sie sprächen nur noch in knappen Phrasen, und sich dann in einer Situation, in der man Zeit für eine wirkliche inhaltliche Auseinandersetzung hätte, mit dem Abfragen eben jener Phrasen zufriedengeben. In "Ihre Wahl!" kam Guttenberg zum Thema Bonus-Zahlungen für Manager staatshilfebedürftiger Unternehmen mit der wolkigen Ankündigung durch, da müsse man was machen. Danach ging es schon weiter zu nächsten Frage.
Womöglich liegt der Schlüssel zur Verbesserung der Talkformate nicht in ihrer Beschleunigung und inhaltlichen wie medialen Verbreiterung, sondern im Gegenteil in der Vertiefung und Verfeinerung ihrer Stärken. Warum also nicht einfach den Wirtschaftsminister einladen und einen Finanzmarktexperten und dann eine Stunde lang ausklamüsern, wie sich die ? nach gesamtgesellschaftlichem Konsens unredlichen ? Manager-Boni sinnvoll begrenzen ließen.
Und wenn einem Zuschauer eine bessere Frage dazu einfällt als der zuständigen Redaktion, dann soll er sie eben mailen, simsen oder twittern können. Auf Interaktivität um ihrer selbst willen und auf schlechte Zuschauerfragen kann hingegen einer ganz sicher verzichten: der Zuschauer.
Es mag vielleicht auf den ersten Blick nicht zeitgemäß erscheinen, ermöglichte dem Fernsehen aber seine Stärken auszuspielen, statt denen eines anderen Mediums hinterherzustolpern. Henry Ford hat auch mal gesagt, dass Nachahmung zur Selbsttäuschung führt. Manchmal sogar über die eigenen Fähigkeiten.
Cord Krüger busch@n-tv
Arena" und die Interaktivität
(epd) Henry Ford hat mal gesagt, wenn er die Menschen nach Anregungen für neue Produkte gefragt hätte, hätten sich diese bloß schnellere Pferde gewünscht. So ist das mit wirklichen Innovationen, sie richten sich gerade nicht am augenblicklichen Erwartungshorizont aus.
Wenn man betrachtet, wie sich politische Talkformate im Fernsehen dieser Tage nach dem vermeintlichen Zeitgeist strecken, kommen einem bei den Ergebnissen mit Henry Ford im Hinterkopf unweigerlich Pferde mit Spoilern in den Sinn. Ob die Wünsche des Zuschauers dabei vorher erfragt oder nur ermutmaßt wurden, bleibt offen.
Der Zeitgeist besteht in diesem Fall aus der angenommenen Pflicht, die interaktiven Möglichkeiten des Internets im Fernsehen einzubinden. Zuletzt war dies in "Ihre Wahl! Die Sat.1 Arena" zu besichtigen, dem Versuch des Senders, das private Talkshow-Brachland neu zu bestellen, auf dem in den Neunzigern Erich Böhme seinen "Talk im Turm" abgehalten hatte. Sabine Christiansen und Stefan Aust hatten als Gesprächsopponenten Karl Theodor zu Guttenberg und Oskar Lafontaine geladen und alles hätte gut werden können.
Weil jedoch die Bundestagswahl vor der Tür steht und Barack Obama das Internet für seinen Wahlkampf im letzten Jahr erfolgreich zu nutzen verstand, sehen viele Senderverantwortliche offenbar dringend Handlungsbedarf. Maybrit Illner etwa versucht in "Illner Intensiv" nun doppelt so viele Fragen in der Hälfte der Sendezeit unterzubringen, plus Publikumsfragen, plus Einbindung von Zuschauern via YouTube. "Spiegel Online" sprach nach der ersten Sendung von einem "Wirrwarr" und in "Ihre Wahl!" ging es ähnlich zu. So wie Guttenberg von den Moderatoren erst stehend, dann sitzend befragt wurde, wusste auch die Sendung thematisch wie medial nicht, was und wohin sie wollte.
Egal, ob es dabei um die Schalte in das Wohnzimmer eines Popsängers ging, um videoleinwandgroße Twitter-Meldungen oder ein hart am Rande der Selbstparodie schrammendes Laufband mit SMS-Kommentaren, die Ausflüge in die Interaktivität bringen in Talkshows nur selten Erkenntnisgewinne. Und wenn überhaupt, dann keine, die der Zuschauerpost überlegen wären, die Brigitte Büscher in "Hart aber fair" en bloc verliest. Grundsätzlich zerfasert das konfuse Gehopse zwischen Gästen, Themen und Medieninhalten den großen Vorzug einer gutgemachten Fernsehsendung: ihre Linearität.
Nicht umsonst beschränkt sich "Busch@n-tv" - gewissermaßen die Grande Dame interaktiver Gesprächsformate ? wie früher Sandra Maischberger auf einen einzigen Gast. Ein Gespräch besteht ja im Idealfall nicht nur aus einem Pingpong-Spiel kurzer Fragen und Antworten. Ein Gespräch entwickelt sich. Man kann Politikern schwerlich vorwerfen, sie sprächen nur noch in knappen Phrasen, und sich dann in einer Situation, in der man Zeit für eine wirkliche inhaltliche Auseinandersetzung hätte, mit dem Abfragen eben jener Phrasen zufriedengeben. In "Ihre Wahl!" kam Guttenberg zum Thema Bonus-Zahlungen für Manager staatshilfebedürftiger Unternehmen mit der wolkigen Ankündigung durch, da müsse man was machen. Danach ging es schon weiter zu nächsten Frage.
Womöglich liegt der Schlüssel zur Verbesserung der Talkformate nicht in ihrer Beschleunigung und inhaltlichen wie medialen Verbreiterung, sondern im Gegenteil in der Vertiefung und Verfeinerung ihrer Stärken. Warum also nicht einfach den Wirtschaftsminister einladen und einen Finanzmarktexperten und dann eine Stunde lang ausklamüsern, wie sich die ? nach gesamtgesellschaftlichem Konsens unredlichen ? Manager-Boni sinnvoll begrenzen ließen.
Und wenn einem Zuschauer eine bessere Frage dazu einfällt als der zuständigen Redaktion, dann soll er sie eben mailen, simsen oder twittern können. Auf Interaktivität um ihrer selbst willen und auf schlechte Zuschauerfragen kann hingegen einer ganz sicher verzichten: der Zuschauer.
Es mag vielleicht auf den ersten Blick nicht zeitgemäß erscheinen, ermöglichte dem Fernsehen aber seine Stärken auszuspielen, statt denen eines anderen Mediums hinterherzustolpern. Henry Ford hat auch mal gesagt, dass Nachahmung zur Selbsttäuschung führt. Manchmal sogar über die eigenen Fähigkeiten.
Cord Krüger busch@n-tv








