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18.01.2010 BZ-Berlin: TV News
Pressespiegel FR-online.de: Werbespots - Tote Fische, dürrer Kohl Von Jan Freitag

Mit albernen Alliterationen verkaufte Adenauers CDU 1953 im Kino ihr Programm, in Zeichentrickgekrakel warb vier Jahre später die SPD um Stimmen am Bildschirm, dazu Kirmesmusik. "Kindergarten-Niveau", urteilt da Jan Delay: Wie auch Klaus Kleber, Thea Dorn, Friedrich Nowottny, Michael Ballhaus und Politologe Karl-Rudolf Korte bewertet der Musiker bis zur Bundestagswahl jede Woche in der 3sat-"Kulturzeit" lang Wahlwerbespots aus sechs Jahrzehnten: ein Panoptikum demokratischer Demagogie.

Mal ernst, mal komisch, ob unfreiwillig oder nicht, agitieren sie, erst CDU und SPD, bald auch FDP, ab 1980 Grüne, schließlich die PDS: alle stets um Zeitgeist bemüht. Schließlich, sagt der Düsseldorfer Medienforscher Christian Schicha, kann Wahlwerbung "als wichtiger Indikator für den Wandel der politischen Kultur interpretiert werden".

Anfangs ging es zwischen Adenauer und Erich Ollenhauer um Brot von guten Amis oder Tod von bösen Russen, je nach Anschauung mit vertauschtem Adjektiv, präsentiert von knatternden Wochenschaustimmen aus dem Off. Nur die Liberalen setzten auf Ansagerinnen im schulterfreien Kleid. Sonst waren die Kampagnen frei von Frauen. Und Humor.

Brandt beim Paddeln

Die Wahlreklame entwickelte sich parallel zur Autowerbung: Nach simpler Produktinformation durfte in den popmodernen Sechzigern der Kandidat als Mensch wirken: Ein junger Brandt beim Paddeln mit Sohn, später ein dürrer Kohl beim Brettspiel mit den Lieben, Spitzenpersonal beim Händeschütteln, Lächeln, Leben.

Dann ergänzten Witz, Metaphorik und Gefühl die in Sprechblasen verkündete Programmatik. Dieter Hildebrandt spielte kurz nach 68 Cowboy und Indianer mit Christdemokraten, die weiter von Freiheit oder Sozialismus faselten. Didi Hallervorden ulkte kurz vorm heißen Herbst im Namen der FDP gegen CSU-Kandidat FJS, dessen Entführer 20 Millionen Mark forderten - sonst lasse man ihn frei. Und mit den Grünen kam 1980 die Realsatire. "Opa, warum sind die Fische tot", sagt ein Zopfmädchen und zeigt auf drapierte Sardinen am Ufer. "Weil die Industrie das Rheinwasser vergiftet hat" - das erinnert an Vorschultheater.

Schade, dass das bei 3sat fehlt. Man habe sich aus Zeitmangel auf die Etablierten beschränken müssen, so Redakteur Wolfgang Aull; er verweist auf längere Versionen im Internet. Nach einem rassistischen Spot der Republikaner 1989 forderten NDR-Intendant Jobst Plog wie auch Journalistenverbände und Vertreter der Volksparteien das Ende der Wahlwerbespots - vergebens. Dabei hätte das der Wahlbeteiligung vielleicht gut getan. "Ich kann mir nicht vorstellen", so Thea Dorn bei 3sat, "dass jemand eine Partei wählt, nachdem er einen dieser Spots gesehen hat."
Kulturzeit und ZDF.de