Pressespiegel
Funkkorrespondenz: Rrrratsch!
Cordula Echterhoff/Jens Lindemann:
Verschluss-Sache. Vom Zuknöpfen und Aufreißen
Arte (ZDF) Do 28.7. 19.00 bis 19.45 Uhr
29.07.05 - Manfred Riepe/FK
Normalerweise verschwendet man keinen Gedanken an ihn. Höchstens, wenn man sich schmerzhaft ein empfindliches Körperteil in seiner Zahnreihe einklemmt (die in diesem Zusammenhang wohl nicht zufällig an eine vagina dentata erinnert). Oder wenn er schon wieder kaputtgegangen ist, obwohl man ihn gerade erst neu hat einnähen lassen: Gemeint ist der Reißverschluss. Aber nicht nur um ihn geht es in Cordula Echterhoffs und Jens Lindemanns anregender Dokumentation, sondern ebenso um den Druckknopf, die Schleife und den – rrrratsch! – Klettverschluss. „Verschluss-Sache“ ist ein kurzer Film über das Öffnen und das dazugehörige Motiv des Verschließens. Fantasievoll und zuweilen augenzwinkernd stellt der Film höchst unterschiedliche Aspekte und Anwendungsgebiete von Reiß- und Klettverschlüssen vor: Vom Spacelab bis zum Straßenköter, vom Chirurgen bis zur Stubenfliege, vom Matterhorn bis zum Seestern – alle sind irgendwie betroffen.
Eher beiläufig lernen wir durch Archivfilme und -bilder Othmar Winterhalter kennen, der den Reißverschluss zwar nicht erfunden, aber den ersten wirklich reißfesten Reißverschluss vermarktet hat. Statt eine bierernsten Kulturgeschichte zum Thema zu präsentieren, stöbert der jetzt bei Arte erstausgestrahlte Film (ein Koproduktion mit dem ZDF) stets nach dem Überraschenden und Zweideutigen im Reich der Nebensächlichkeit. So erhalten wir von einem Reißverschlussfachmann wir eine herrlich doppelsinnige Antwort auf die Frage, wie das eigentlich geht, mit dem Reißverschluss: „Da, wo er funktioniert, sieht man eigentlich gar nichts.“
Kurzporträts von Modedesignern werden geschickt eingesetzt, um modische und erotische Aspekte anzuschneiden. Knopf und Schleife, so erfahren wir, stehen für ein konservatives Bekleidungsbild, das in den Sechzigern durch den Reißverschluss endlich aufgelockert wurde. Dem progressiven Image des Reißverschlusses gegenüber steht die unerreichte „Grazie beim Öffnen eines Knopfes“, die keine Zahnreihe erreicht. Gespräche und Interviews wechseln einander in durchdachtem Rhythmus mit musikalisch geschmackvoll untermalten Bildercollagen ab, in denen Reißverschlüsse in allen möglichen Variationen geöffnet, geschlossen und getestet werden – bis hin zum legendären Rolling-Stones-Plattencover für „Sticky Fingers“.
Angenehm unangestrengt verbindet der Film die eher konventionellen Seiten des Themas – vom Hosenknopf bis zum Zeltverschluss – mit Grenzgebieten der Befestigungslogistik im Spacelab, wo aufgrund der Schwerelosigkeit jeder bewegliche Gegenstand mit einem Klettsystem an der Wand „angeklettet“ ist. Witzig dabei ist dann aber auch, dass wir beispielsweise noch die Ausführungen eines schwulen Designers im Kopf haben, der sich zuvor über das unästhetische Rrrratsch! des Klettverschlusses lustig gemacht hat – und kurz darauf werden wir, ohne diesen Asso-ziationsstrang zu verlassen, mit der Frage konfrontiert: „Warum hängt die Fliege an der Decke?“
„Verschluss-Sache. Vom Zuknöpfen und Aufreißen“ ist ein Film, dessen erfrischende Neugier gelegentlich an „Die Sendung mit der Maus“ (ARD/WDR) erinnert. Aber wir sehen auch leicht abgründige Bilder, die in der auf Kinder zugeschnittenen „Maus“ undenkbar wären. Etwa wenn der Wissenschaftler in seinem High-Tech-Labor eine Fliege auf eine Zentrifuge setzt, um bei steigender Rotation die Adhäsionskraft zu messen, mit welcher das Insekt sich auf glatter Metallfläche festzuhalten vermag. Einen Moment lang fragt man sich dann schon, ob das nicht eine Wissenschaftssatire ist. Ähnliches gilt für die Ausführungen des Chirurgen, der das Loch in der Bauchdecke mit einem Reißverschluss verschließt. Hier wähnt man sich fast in einem Film des kanadischen Body-Horror-Spezialisten David Cronenberg – zumal der Chirurg im Plauderton davon berichtet, dass er zunächst alle möglichen Haushaltsläden nach brauchbaren Reißverschlüssen abgeklappert habe, die er in die Bauchdecke einnähen könne.
Cordula Echterhoff und Jens Lindemann ist ein Film gelungen (Produktion: Probono), der die Präsentation eines vermeintlich banalen Themas zu einer liebenswürdigen Entdeckungsreise macht. In den 45 Minuten sehen wir die Welt mal aus der Sicht eines Druckknopfes, mal aus der eines Reißverschlusses. Und wenn wir am Ende schließlich noch erfahren, dass das britische Militär mit Hilfe der Verklammerungskräfte bei Pilzkopfstrukturen einen geräuschlosen Klettverschluss entwickelt hat, dann können wir zu dieser gut recherchierten essayistischen Dokumentation nur noch zusammenfassend sagen: Rrrratsch!
Verschluss - Sache
Cordula Echterhoff/Jens Lindemann: Verschluss-Sache. Vom Zuknöpfen und Aufreißen
Arte (ZDF) Do 28.7. 19.00 bis 19.45 Uhr
29.07.05 - Manfred Riepe/FK
Normalerweise verschwendet man keinen Gedanken an ihn. Höchstens, wenn man sich schmerzhaft ein empfindliches Körperteil in seiner Zahnreihe einklemmt (die in diesem Zusammenhang wohl nicht zufällig an eine vagina dentata erinnert). Oder wenn er schon wieder kaputtgegangen ist, obwohl man ihn gerade erst neu hat einnähen lassen: Gemeint ist der Reißverschluss. Aber nicht nur um ihn geht es in Cordula Echterhoffs und Jens Lindemanns anregender Dokumentation, sondern ebenso um den Druckknopf, die Schleife und den – rrrratsch! – Klettverschluss. „Verschluss-Sache“ ist ein kurzer Film über das Öffnen und das dazugehörige Motiv des Verschließens. Fantasievoll und zuweilen augenzwinkernd stellt der Film höchst unterschiedliche Aspekte und Anwendungsgebiete von Reiß- und Klettverschlüssen vor: Vom Spacelab bis zum Straßenköter, vom Chirurgen bis zur Stubenfliege, vom Matterhorn bis zum Seestern – alle sind irgendwie betroffen.
Eher beiläufig lernen wir durch Archivfilme und -bilder Othmar Winterhalter kennen, der den Reißverschluss zwar nicht erfunden, aber den ersten wirklich reißfesten Reißverschluss vermarktet hat. Statt eine bierernsten Kulturgeschichte zum Thema zu präsentieren, stöbert der jetzt bei Arte erstausgestrahlte Film (ein Koproduktion mit dem ZDF) stets nach dem Überraschenden und Zweideutigen im Reich der Nebensächlichkeit. So erhalten wir von einem Reißverschlussfachmann wir eine herrlich doppelsinnige Antwort auf die Frage, wie das eigentlich geht, mit dem Reißverschluss: „Da, wo er funktioniert, sieht man eigentlich gar nichts.“
Kurzporträts von Modedesignern werden geschickt eingesetzt, um modische und erotische Aspekte anzuschneiden. Knopf und Schleife, so erfahren wir, stehen für ein konservatives Bekleidungsbild, das in den Sechzigern durch den Reißverschluss endlich aufgelockert wurde. Dem progressiven Image des Reißverschlusses gegenüber steht die unerreichte „Grazie beim Öffnen eines Knopfes“, die keine Zahnreihe erreicht. Gespräche und Interviews wechseln einander in durchdachtem Rhythmus mit musikalisch geschmackvoll untermalten Bildercollagen ab, in denen Reißverschlüsse in allen möglichen Variationen geöffnet, geschlossen und getestet werden – bis hin zum legendären Rolling-Stones-Plattencover für „Sticky Fingers“.
Angenehm unangestrengt verbindet der Film die eher konventionellen Seiten des Themas – vom Hosenknopf bis zum Zeltverschluss – mit Grenzgebieten der Befestigungslogistik im Spacelab, wo aufgrund der Schwerelosigkeit jeder bewegliche Gegenstand mit einem Klettsystem an der Wand „angeklettet“ ist. Witzig dabei ist dann aber auch, dass wir beispielsweise noch die Ausführungen eines schwulen Designers im Kopf haben, der sich zuvor über das unästhetische Rrrratsch! des Klettverschlusses lustig gemacht hat – und kurz darauf werden wir, ohne diesen Asso-ziationsstrang zu verlassen, mit der Frage konfrontiert: „Warum hängt die Fliege an der Decke?“
„Verschluss-Sache. Vom Zuknöpfen und Aufreißen“ ist ein Film, dessen erfrischende Neugier gelegentlich an „Die Sendung mit der Maus“ (ARD/WDR) erinnert. Aber wir sehen auch leicht abgründige Bilder, die in der auf Kinder zugeschnittenen „Maus“ undenkbar wären. Etwa wenn der Wissenschaftler in seinem High-Tech-Labor eine Fliege auf eine Zentrifuge setzt, um bei steigender Rotation die Adhäsionskraft zu messen, mit welcher das Insekt sich auf glatter Metallfläche festzuhalten vermag. Einen Moment lang fragt man sich dann schon, ob das nicht eine Wissenschaftssatire ist. Ähnliches gilt für die Ausführungen des Chirurgen, der das Loch in der Bauchdecke mit einem Reißverschluss verschließt. Hier wähnt man sich fast in einem Film des kanadischen Body-Horror-Spezialisten David Cronenberg – zumal der Chirurg im Plauderton davon berichtet, dass er zunächst alle möglichen Haushaltsläden nach brauchbaren Reißverschlüssen abgeklappert habe, die er in die Bauchdecke einnähen könne.
Cordula Echterhoff und Jens Lindemann ist ein Film gelungen (Produktion: Probono), der die Präsentation eines vermeintlich banalen Themas zu einer liebenswürdigen Entdeckungsreise macht. In den 45 Minuten sehen wir die Welt mal aus der Sicht eines Druckknopfes, mal aus der eines Reißverschlusses. Und wenn wir am Ende schließlich noch erfahren, dass das britische Militär mit Hilfe der Verklammerungskräfte bei Pilzkopfstrukturen einen geräuschlosen Klettverschluss entwickelt hat, dann können wir zu dieser gut recherchierten essayistischen Dokumentation nur noch zusammenfassend sagen: Rrrratsch!
Verschluss - Sache








