Pressespiegel
spiegel-online: Spurensicherung am Badewannenrand
Autor: Ulf Lippitz
7. Juni 2004
Benjamin von Stuckrad-Barre versucht sich als Filmemacher: In der NDR-Dokumentation "Ich war hier" geht der 29-Jährige auf Spurensuche - an Klotüren und in Tiefgaragen. Zeitgleich erscheint sein neuer Textband "Remix 2". Das Wunderkind der deutschen Pop-Literatur flieht darin vor dem Zeitgeist, dem er seinen Erfolg verdankt.
Benjamin von Stuckrad-Barre ist immer und überall. Er ist die Selbstpräsentationsmaschine der deutschen Autorengilde. Zuerst existierte das 29-jährige Multitalent im Feuilleton diverser Zeitungen, dann im Buchhandel, auf Lese-Tour, auf Platte, im Fernsehen, im Theater - und zuletzt prangte der Doppelname auch auf Kino-Postern.
Der neueste Streich folgt heute: eine dokumentarische Spurensicherung für das Fernsehen, aufgezeichnet an Bushaltestellen, Häuserwänden und Klotüren. "Ich war hier", heißt der für den NDR produzierte Halbstünder - der in Schriftform Teil der simultan veröffentlichten Text-Sammlung "Festwertspeicher der Kontrollgesellschaft - Remix 2" ist.
In seinem Film wirft Stuckrad-Barre Blicke in Gästebücher, spricht ins Headset vergängliche Nachrichten auf und sinniert über den jeweiligen Gehalt. Aus dem Off erklingt gegen Ende der Satz: "Das Drama menschlichen Daseins ist die Vergänglichkeit." Wohl deshalb ritzen, krakeln und firmieren wir. Auch Stuckrad-Barre: ein junger unermüdlich präsenter Schreiber, der ruhelos von Medium zu Medium und von Ort zu Ort zieht. Ein Mensch, der sich stetig verewigt, um sich selbst zu finden und dem großen Gespenst Zeitgeist, der perfiden Form künstlerischer Vergänglichkeit, zu entfliehen.
Mit dem Attribut "zeitgeistig" schlägt sich das Wunderkind Stuckrad-Barre herum, seit es 1998 mit "Soloalbum" reüssierte. Mit spitzer Feder beschrieb er darin sich und seine Umgebung im Referenzrahmen jüngerer Musikgeschichte. Das größte Dilemma des Helden schien nicht in der Trennung von der Freundin zu bestehen, sondern in der Frage, ob man Oasis und die Pet Shop Boys gleichzeitig gut finden könnte. Der intellektuelle Wilde entwickelte sich zur Marke, zu einem Phänomen der Großbaustelle Popkultur.
Er gab der deutschen Literaturlandschaft Sex und tolle Umsatzzahlen. Das brachte ihm sogar einen Werbevertrag mit der Modekette Peek & Cloppenburg ein. In einem Video der Berliner Techno-Rüpel Lexy & K-Paul posierte er später wie ein Model, im Westbam-Fanblock hüpfte er kürzlich beim Vorausscheid zum Eurovision Song Contest verpeilt über die Bänke. Selten muss Literatur so verführerisch und so nahe dran an der jungen Zielgruppe gewirkt haben.
Vom Pfarrerssohn zum Hardcore-Clubber - in dem Werdegang spiegelt sich eine um Akzeptanz und Hedonismus bemühte Biografie, die vielleicht mehr über die letzten zehn Jahre verrät als jedes Generationen-Kompendium. Sie erzählt von dem bohrenden Wunsch, dazu gehören zu wollen, sich aber nicht aufgeben zu müssen - sozusagen die Einforderung von Rausch und Bildung zugleich. Dafür zieht Stuckrad-Barre nach Hamburg, Berlin, Zürich und wieder zurück. Der Titel des Filmes, "Ich war hier", bezeichnet auch die geografische Unruhe seines Urhebers.
Die schillernde Medienpersönlichkeit verblasst vor dem realen Menschen. Als Stuckrad-Barre im Mai zusammen mit Produzent Friedrich Küppersbusch den Film der Presse vorstellt, überrascht er mit einer mehr oder minder versteckten Zerbrechlichkeit. Das ist nicht der rastlose Udo-Lindenberg-Fan, der noch im Oktober letzten Jahres auf dessen Bühne stand und zappelte. Er ist ruhig, ernsthaft und beinahe sympathisch. Er scherzt mit Kollegen, bedankt sich artig für Applaus und bestellt "zwei Kaffeechen". Die Kokain-Beichte ist noch nicht gedruckt, aber einige haben bereits davon gehört. Vier Tage später schreibt er über die Zeit des Niedergangs in der "Süddeutschen Zeitung": "An mich kam ich in der Zeit nicht mehr heran, also: Auf zu den anderen!"
Auf der Pressekonferenz nach der Vorführung träumt sich Stuckrad-Barre möglicherweise zu ihnen. Er schaut geistesabwesend Löcher in die Luft, während Kerstin Gleba, Vertreterin seines Verlages, die "neuen Textformen" in der Werkschau "Remix 2" anpreist. Friedrich Küppersbusch sitzt daneben und blättert in besagtem Buch, als sehe er es zum ersten Mal. Die so genannten neuen Textformen, das sind vor allem Text-Collagen, sehr frei assoziierende Reportagen und Porträts. Der Journalist Stuckrad-Barre sitzt mit Paola und Kurt Felix am Mittagstisch, plaudert mit DJ Westbam auf dem Badewannenrand und schaut mit Walter Kempowski fern. Wie gewohnt schiebt er Song-Zitate, Reflexionen und Beobachtungen ein, ist bissig, knallhart, ehrlich und verletzend. Das hat oft den Nebeneffekt, mehr über den Autor als über sein Sujet zu erfahren.
Die Dokumentation "Ich war hier" fällt völlig aus dem Rahmen von "Remix 2". War das zuvor zu Lesende gut verdauliche Sprachakrobatik, beseelt nun der Wunsch nach Ernsthaftigkeit die aneinander gereihten Impressionen. Jeder Hauch von Glamour ist verweht, wenn der Autor am Zufahrtstor des BVB Dortmund die eingemeißelten Sprüche abtastet. Auf der Suche nach der Wahrheit der Anderen bricht Benjamin von Stuckrad-Barre aus dem Zeitgeist aus. Werden seine Fans ihm folgen? Ich war hier
Autor: Ulf Lippitz7. Juni 2004
Benjamin von Stuckrad-Barre versucht sich als Filmemacher: In der NDR-Dokumentation "Ich war hier" geht der 29-Jährige auf Spurensuche - an Klotüren und in Tiefgaragen. Zeitgleich erscheint sein neuer Textband "Remix 2". Das Wunderkind der deutschen Pop-Literatur flieht darin vor dem Zeitgeist, dem er seinen Erfolg verdankt.
Benjamin von Stuckrad-Barre ist immer und überall. Er ist die Selbstpräsentationsmaschine der deutschen Autorengilde. Zuerst existierte das 29-jährige Multitalent im Feuilleton diverser Zeitungen, dann im Buchhandel, auf Lese-Tour, auf Platte, im Fernsehen, im Theater - und zuletzt prangte der Doppelname auch auf Kino-Postern.
Der neueste Streich folgt heute: eine dokumentarische Spurensicherung für das Fernsehen, aufgezeichnet an Bushaltestellen, Häuserwänden und Klotüren. "Ich war hier", heißt der für den NDR produzierte Halbstünder - der in Schriftform Teil der simultan veröffentlichten Text-Sammlung "Festwertspeicher der Kontrollgesellschaft - Remix 2" ist.
In seinem Film wirft Stuckrad-Barre Blicke in Gästebücher, spricht ins Headset vergängliche Nachrichten auf und sinniert über den jeweiligen Gehalt. Aus dem Off erklingt gegen Ende der Satz: "Das Drama menschlichen Daseins ist die Vergänglichkeit." Wohl deshalb ritzen, krakeln und firmieren wir. Auch Stuckrad-Barre: ein junger unermüdlich präsenter Schreiber, der ruhelos von Medium zu Medium und von Ort zu Ort zieht. Ein Mensch, der sich stetig verewigt, um sich selbst zu finden und dem großen Gespenst Zeitgeist, der perfiden Form künstlerischer Vergänglichkeit, zu entfliehen.
Mit dem Attribut "zeitgeistig" schlägt sich das Wunderkind Stuckrad-Barre herum, seit es 1998 mit "Soloalbum" reüssierte. Mit spitzer Feder beschrieb er darin sich und seine Umgebung im Referenzrahmen jüngerer Musikgeschichte. Das größte Dilemma des Helden schien nicht in der Trennung von der Freundin zu bestehen, sondern in der Frage, ob man Oasis und die Pet Shop Boys gleichzeitig gut finden könnte. Der intellektuelle Wilde entwickelte sich zur Marke, zu einem Phänomen der Großbaustelle Popkultur.
Er gab der deutschen Literaturlandschaft Sex und tolle Umsatzzahlen. Das brachte ihm sogar einen Werbevertrag mit der Modekette Peek & Cloppenburg ein. In einem Video der Berliner Techno-Rüpel Lexy & K-Paul posierte er später wie ein Model, im Westbam-Fanblock hüpfte er kürzlich beim Vorausscheid zum Eurovision Song Contest verpeilt über die Bänke. Selten muss Literatur so verführerisch und so nahe dran an der jungen Zielgruppe gewirkt haben.
Vom Pfarrerssohn zum Hardcore-Clubber - in dem Werdegang spiegelt sich eine um Akzeptanz und Hedonismus bemühte Biografie, die vielleicht mehr über die letzten zehn Jahre verrät als jedes Generationen-Kompendium. Sie erzählt von dem bohrenden Wunsch, dazu gehören zu wollen, sich aber nicht aufgeben zu müssen - sozusagen die Einforderung von Rausch und Bildung zugleich. Dafür zieht Stuckrad-Barre nach Hamburg, Berlin, Zürich und wieder zurück. Der Titel des Filmes, "Ich war hier", bezeichnet auch die geografische Unruhe seines Urhebers.
Die schillernde Medienpersönlichkeit verblasst vor dem realen Menschen. Als Stuckrad-Barre im Mai zusammen mit Produzent Friedrich Küppersbusch den Film der Presse vorstellt, überrascht er mit einer mehr oder minder versteckten Zerbrechlichkeit. Das ist nicht der rastlose Udo-Lindenberg-Fan, der noch im Oktober letzten Jahres auf dessen Bühne stand und zappelte. Er ist ruhig, ernsthaft und beinahe sympathisch. Er scherzt mit Kollegen, bedankt sich artig für Applaus und bestellt "zwei Kaffeechen". Die Kokain-Beichte ist noch nicht gedruckt, aber einige haben bereits davon gehört. Vier Tage später schreibt er über die Zeit des Niedergangs in der "Süddeutschen Zeitung": "An mich kam ich in der Zeit nicht mehr heran, also: Auf zu den anderen!"
Auf der Pressekonferenz nach der Vorführung träumt sich Stuckrad-Barre möglicherweise zu ihnen. Er schaut geistesabwesend Löcher in die Luft, während Kerstin Gleba, Vertreterin seines Verlages, die "neuen Textformen" in der Werkschau "Remix 2" anpreist. Friedrich Küppersbusch sitzt daneben und blättert in besagtem Buch, als sehe er es zum ersten Mal. Die so genannten neuen Textformen, das sind vor allem Text-Collagen, sehr frei assoziierende Reportagen und Porträts. Der Journalist Stuckrad-Barre sitzt mit Paola und Kurt Felix am Mittagstisch, plaudert mit DJ Westbam auf dem Badewannenrand und schaut mit Walter Kempowski fern. Wie gewohnt schiebt er Song-Zitate, Reflexionen und Beobachtungen ein, ist bissig, knallhart, ehrlich und verletzend. Das hat oft den Nebeneffekt, mehr über den Autor als über sein Sujet zu erfahren.
Die Dokumentation "Ich war hier" fällt völlig aus dem Rahmen von "Remix 2". War das zuvor zu Lesende gut verdauliche Sprachakrobatik, beseelt nun der Wunsch nach Ernsthaftigkeit die aneinander gereihten Impressionen. Jeder Hauch von Glamour ist verweht, wenn der Autor am Zufahrtstor des BVB Dortmund die eingemeißelten Sprüche abtastet. Auf der Suche nach der Wahrheit der Anderen bricht Benjamin von Stuckrad-Barre aus dem Zeitgeist aus. Werden seine Fans ihm folgen? Ich war hier








