Pressespiegel
Tageszeitung: Friedrich Küppersbusch zum Thema Fernsehjournalismus
»In den Sendern hat sich Neoliberalismus verfestigt«
Der Fernsehjournalimus hat sich von denen entfernt, für die er berichten soll. Ein Gespräch mit Friedrich Küppersbusch
Interview: Gitta Düperthal
Friedrich Küppersbusch ist Journalist und Fernsehproduzent. Von 1987 bis 1996 arbeitete er für die WDR-Politiksendung ZAK. 1996 gründete er die probono GmbH, die unter anderem »Maischberger« bei n-tv produzierte.
Sie hielten einen »Zwischenruf« bei den »Mainzer Tagen der Fernsehkritik« im ZDF. Was hoffen Sie, bei den Journalisten des öffentlich-rechtlichen Fernsehens zu bewirken?
Ich wünsche mir, daß Redakteure und Journalisten weniger Angst vor marktwirtschaftlichen Gesetzmäßigkeiten haben. Dadurch schmälert sich programmliche Risikofreude und Authentizität. Faszinierend finde ich, wie wir in Deutschland den dualen Fernsehmarkt erleben: Einige Sender müssen eine Grundversorgung mit Nachrichten, Dokumentationen und historischen Filmen bieten, andere verbreiten bevorzugt Unterhaltung, Sport und Witze. Letztere würden beispielsweise in Amerika kläglich eingehen, weil sie weitgehend durch die Abwesenheit journalistischer Formen geprägt sind. Hierzulande hingegen versucht der öffentlich-rechtliche Rundfunk immer wieder, sich diese Sender zum Maßstab zu nehmen und sie partiell nachzuahmen. Zunehmend sind dort ehemalige Kommerzfunker anzutreffen. In Vorabendsendungen der ARD springt Bruce von »Deutschlands Topmodels« herum.
Neigen öffentlich-rechtliche Redakteure auf Quotenjagd dazu, ihre Zuschauer mit Boulevardjournalismus zuzudröhnen?
Ja, dabei gibt es beim Fernsehpublikum große Potentiale, was den Intellekt angeht. Das Publikum nimmt beispielsweise Frank Plasbergs politischen Talk »Hart, aber fair« an. Es interessiert sich für historische Spielfilme, für Nachrichten, gut gemachte Dokumentarfilme. Selbst dunkle und schwere Sujets sind gefragt. Im übrigen halte ich es für ein Vorurteil, daß es zwangsläufig niveaulos werden muß, wenn es im Fernsehen authentisch zugeht. Das Publikum ist auseinandersetzungsfreudiger, als man glaubt. Es ist nur die große Angst der Fernsehmacher, daß es langweilig werden müßte, wenn man sich den Interessen der Zuschauer annähert. Einige Sender haben erkannt: Die Menschen kommen mit der Kindererziehung nicht klar und mit dem wenigen Geld nicht, das sie zum Ausgeben haben. Probono hat bei RTL den Schuldnerberater Peter Zwegart auf den Weg geschickt. Er sagt ja: »Du hast einen Flachbildschirm, zu teure Handy-Verträge, das kannst du dir nicht leisten – was objektiv wenig Konsumfreude verbreitet«. Doch die Werbekunden haben sich erstaunlicherweise nicht daran gestört. Ich wundere mich allerdings, warum der gebührenfinanzierte Rundfunk sich für solche Belange des Publikums kaum interessiert.
Weder er noch irgendeiner der im ZDF versammelten Fernsehjournalisten könnten sich überhaupt vorstellen, wie es sich anfühlt, nicht genug Geld zu haben, so Porsche-Chef Wendelin Wiedeking. Sind deshalb neue Armut und Hartz IV kaum Thema?
Wiedeking erklärte mal in einem Interview, er stamme aus einfachen Verhältnissen, Vater früh gestorben, Mutter mußte die Kinder allein durchbringen , einen Porsche hätten Wiedekings sich nicht leisten können. Es ist in der Tat frappierend, wie viele Medienvertreter sich von denen entfernt haben, für die sie berichten. Ähnlich wie manche Politiker. Aufgrund wachsender Armut sind Steuern wichtig, um einen Ausgleich zu schaffen. Und was macht die SPD? Sie startet eine Debatte über vermeintlich zu hohe Lohnnebenkosten, damit die Schere zwischen Arm und Reich noch weiter auseinandergeht. In den öffentlich-rechtlichen Sendern hat sich Neoliberalismus verfestigt, in den Redaktionen herrscht zuviel Verzagtheit, um einen kritischen Gegenpol zu bieten.
Woran liegt das?
In den öffentlich-rechtlichen Sendern herrscht so etwas wie Verbeamtung vor. Du fängst mit 28 an und gehst mit 67 in Rente.
Jüngere Journalisten arbeiten meist nicht mehr zu diesen Konditionen, sondern teilweise mit befristeten Verträgen. Freiberufler werden mit sogenannten »buy-out«-Verträgen abgespeist. Für Wiederholungen zahlen die Sender nicht mehr.
Das ist richtig. Das Prekariat am unteren Ende der Hierarchien sowie Spitzenverdiener wechseln die Sender. Die Entscheider sitzen jedoch in warmen Räumen. So verkommt das Fernsehen zum Busineß. Und das, obgleich die Geschichte uns mahnt. Nach der Nazizeit, im Mai 1945, gründeten britische Offiziere den Nordwestdeutschen Rundfunk (NWDR) als medienpolitisches Experiment, das radikal mit der Propagandatradition des Nationalsozialismus bricht. Die Initiatoren mit Hugh Carlton Green an der Spitze planten ihn als wichtiges Mittel der Demokratisierung der Gesellschaft. Sie wollten keine Monopolstellung – wie zuvor die des Hitler-Mäzens Hugenberg. Und keine Gleichschaltung nach dem Propagandaminister des »Dritten Reiches« Goebbels. Die erste Kommentar-Redaktion des NWDR waren: Kommunist und KZ-Opfer Axel Eggebrecht, Karl Eduard von Schnitzler, der später den Schwarzen Kanal des DDR-Fernsehens moderierte, aber auch der geläuterte ehemalige Kriegsberichterstatter in der Propagandatruppe der Wehrmacht Peter von Zahn und die Publizistin Carola Stern. Einige von ihnen würden heute gar nicht mehr eingestellt. Die Ursprungsidee war Pluralität, alle Gruppen miteinander ins Gespräch kommen zu lassen – nicht nur jene, die das bereits sind. Das war ein Riesengeschenk, die Meinungsfreiheit.
Was wäre wünschenswert für die Zukunft?
Ich stelle mir vor, daß das Internet dem Fernsehen mehr bringt als »Pech, Pleiten und Pannen, reloaded«. Nur: Es soll keine Torte fliegen. Bürgerrechtsinitiativen, Pazifisten und Antimilitaristen, Atomgegner, die Frauenbewegung könnten statt dessen ihre Filme einschicken. Und zwar weltweit. So wäre noch mal ein Demokratisierungsprozeß drin. Es könnte um Meinungen, Interessengegensätze und Konflikte untereinander gehen. Das hätte einen befreienden, emanzipatorischen Effekt.
Der Fernsehjournalimus hat sich von denen entfernt, für die er berichten soll. Ein Gespräch mit Friedrich Küppersbusch
Interview: Gitta Düperthal
Friedrich Küppersbusch ist Journalist und Fernsehproduzent. Von 1987 bis 1996 arbeitete er für die WDR-Politiksendung ZAK. 1996 gründete er die probono GmbH, die unter anderem »Maischberger« bei n-tv produzierte.
Sie hielten einen »Zwischenruf« bei den »Mainzer Tagen der Fernsehkritik« im ZDF. Was hoffen Sie, bei den Journalisten des öffentlich-rechtlichen Fernsehens zu bewirken?
Ich wünsche mir, daß Redakteure und Journalisten weniger Angst vor marktwirtschaftlichen Gesetzmäßigkeiten haben. Dadurch schmälert sich programmliche Risikofreude und Authentizität. Faszinierend finde ich, wie wir in Deutschland den dualen Fernsehmarkt erleben: Einige Sender müssen eine Grundversorgung mit Nachrichten, Dokumentationen und historischen Filmen bieten, andere verbreiten bevorzugt Unterhaltung, Sport und Witze. Letztere würden beispielsweise in Amerika kläglich eingehen, weil sie weitgehend durch die Abwesenheit journalistischer Formen geprägt sind. Hierzulande hingegen versucht der öffentlich-rechtliche Rundfunk immer wieder, sich diese Sender zum Maßstab zu nehmen und sie partiell nachzuahmen. Zunehmend sind dort ehemalige Kommerzfunker anzutreffen. In Vorabendsendungen der ARD springt Bruce von »Deutschlands Topmodels« herum.
Neigen öffentlich-rechtliche Redakteure auf Quotenjagd dazu, ihre Zuschauer mit Boulevardjournalismus zuzudröhnen?
Ja, dabei gibt es beim Fernsehpublikum große Potentiale, was den Intellekt angeht. Das Publikum nimmt beispielsweise Frank Plasbergs politischen Talk »Hart, aber fair« an. Es interessiert sich für historische Spielfilme, für Nachrichten, gut gemachte Dokumentarfilme. Selbst dunkle und schwere Sujets sind gefragt. Im übrigen halte ich es für ein Vorurteil, daß es zwangsläufig niveaulos werden muß, wenn es im Fernsehen authentisch zugeht. Das Publikum ist auseinandersetzungsfreudiger, als man glaubt. Es ist nur die große Angst der Fernsehmacher, daß es langweilig werden müßte, wenn man sich den Interessen der Zuschauer annähert. Einige Sender haben erkannt: Die Menschen kommen mit der Kindererziehung nicht klar und mit dem wenigen Geld nicht, das sie zum Ausgeben haben. Probono hat bei RTL den Schuldnerberater Peter Zwegart auf den Weg geschickt. Er sagt ja: »Du hast einen Flachbildschirm, zu teure Handy-Verträge, das kannst du dir nicht leisten – was objektiv wenig Konsumfreude verbreitet«. Doch die Werbekunden haben sich erstaunlicherweise nicht daran gestört. Ich wundere mich allerdings, warum der gebührenfinanzierte Rundfunk sich für solche Belange des Publikums kaum interessiert.
Weder er noch irgendeiner der im ZDF versammelten Fernsehjournalisten könnten sich überhaupt vorstellen, wie es sich anfühlt, nicht genug Geld zu haben, so Porsche-Chef Wendelin Wiedeking. Sind deshalb neue Armut und Hartz IV kaum Thema?
Wiedeking erklärte mal in einem Interview, er stamme aus einfachen Verhältnissen, Vater früh gestorben, Mutter mußte die Kinder allein durchbringen , einen Porsche hätten Wiedekings sich nicht leisten können. Es ist in der Tat frappierend, wie viele Medienvertreter sich von denen entfernt haben, für die sie berichten. Ähnlich wie manche Politiker. Aufgrund wachsender Armut sind Steuern wichtig, um einen Ausgleich zu schaffen. Und was macht die SPD? Sie startet eine Debatte über vermeintlich zu hohe Lohnnebenkosten, damit die Schere zwischen Arm und Reich noch weiter auseinandergeht. In den öffentlich-rechtlichen Sendern hat sich Neoliberalismus verfestigt, in den Redaktionen herrscht zuviel Verzagtheit, um einen kritischen Gegenpol zu bieten.
Woran liegt das?
In den öffentlich-rechtlichen Sendern herrscht so etwas wie Verbeamtung vor. Du fängst mit 28 an und gehst mit 67 in Rente.
Jüngere Journalisten arbeiten meist nicht mehr zu diesen Konditionen, sondern teilweise mit befristeten Verträgen. Freiberufler werden mit sogenannten »buy-out«-Verträgen abgespeist. Für Wiederholungen zahlen die Sender nicht mehr.
Das ist richtig. Das Prekariat am unteren Ende der Hierarchien sowie Spitzenverdiener wechseln die Sender. Die Entscheider sitzen jedoch in warmen Räumen. So verkommt das Fernsehen zum Busineß. Und das, obgleich die Geschichte uns mahnt. Nach der Nazizeit, im Mai 1945, gründeten britische Offiziere den Nordwestdeutschen Rundfunk (NWDR) als medienpolitisches Experiment, das radikal mit der Propagandatradition des Nationalsozialismus bricht. Die Initiatoren mit Hugh Carlton Green an der Spitze planten ihn als wichtiges Mittel der Demokratisierung der Gesellschaft. Sie wollten keine Monopolstellung – wie zuvor die des Hitler-Mäzens Hugenberg. Und keine Gleichschaltung nach dem Propagandaminister des »Dritten Reiches« Goebbels. Die erste Kommentar-Redaktion des NWDR waren: Kommunist und KZ-Opfer Axel Eggebrecht, Karl Eduard von Schnitzler, der später den Schwarzen Kanal des DDR-Fernsehens moderierte, aber auch der geläuterte ehemalige Kriegsberichterstatter in der Propagandatruppe der Wehrmacht Peter von Zahn und die Publizistin Carola Stern. Einige von ihnen würden heute gar nicht mehr eingestellt. Die Ursprungsidee war Pluralität, alle Gruppen miteinander ins Gespräch kommen zu lassen – nicht nur jene, die das bereits sind. Das war ein Riesengeschenk, die Meinungsfreiheit.
Was wäre wünschenswert für die Zukunft?
Ich stelle mir vor, daß das Internet dem Fernsehen mehr bringt als »Pech, Pleiten und Pannen, reloaded«. Nur: Es soll keine Torte fliegen. Bürgerrechtsinitiativen, Pazifisten und Antimilitaristen, Atomgegner, die Frauenbewegung könnten statt dessen ihre Filme einschicken. Und zwar weltweit. So wäre noch mal ein Demokratisierungsprozeß drin. Es könnte um Meinungen, Interessengegensätze und Konflikte untereinander gehen. Das hätte einen befreienden, emanzipatorischen Effekt.








