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18.01.2010 BZ-Berlin: TV News
Pressespiegel Rheinischer Merkur: Zum Kuckuck mit dem Pleitegeier! TERMIN MIT PETER ZWEGAT
Der Berliner Schuldnerberater ist zum Star einer RTL-Ratgebersendung geworden.
Die Quote stimmt, über mangelnde Kundschaft kann er sich nicht beklagen

Von Andrea Tebart

Wege aus dem Teufelskreis: Peter Zwegat bietet Schuldnern Hoffnungsperspektiven.
Zuweilen stehen ihm die Haare
zu Berge und Schweißperlen
auf der Stirn. Sagt er. Und umschreibt
damit meist eine
schwierige finanzielle Situation, die es zu
lösen gilt. Peter Zwegat ist Schuldnerberater,
im wirklichen Leben und im Fernsehen.
In der RTL-Sendung „Raus aus
den Schulden“ hilft er Familien aus ihrer
finanziellen Not. Derzeit läuft die zweite
Staffel der Doku-Reihe, die erste erreichte
einen Marktanteil von 26 Prozent. Damit
bricht der 57-jährige Berliner eherne Gesetze.
Zumindest die der deutschen TV-Werbewirtschaft,
deren monotone Maxime
es ist, dass nur junge Moderatoren ein
junges Publikum anziehen. Gerade Frauen
unter 30 scheint es die Sendung mit
dem seriös gekleideten, grau melierten
Herrn angetan zu haben.
Nach einem langen Drehtag sitzt Peter
Zwegat in einem lauschigen Lokal in der
Lüneburger Heide. So glasklar, wie er in
seiner Sendung Schuldenprobleme analysiert,
so freundlich bestimmt argumentiert
er auch mit der Kellnerin. Er ist hellwach,
obwohl „die Dreharbeiten das Anstrengendste
sind, was ich je gemacht habe“.
Kein Wunder, denn seine Berliner
Fälle laufen weiter. Zwischen den Drehtagen,
die überall in der Republik stattfinden,
kehrt er für Bürotage in „seine“
staatliche Schuldnerberatung in Friedrichshain
zurück, die er seit über 20 Jahren
leitet. Von hier aus wird auch die Post
mit den RTL-Fällen geregelt. „All das,
was der Zuschauer eben nicht zu sehen
bekommt, was aber notwendig ist, um
die verschiedenen prekären finanziellen
Situationen besser in den Griff zu bekommen“,
erklärt er.
Vor ihm liegen am nächsten Morgen
noch Beratungen bei einem Rechtsanwalt,
die er sich auf keinen Fall entgehen
lassen möchte. Dieses Mal allerdings
ohne Kamerateam. Die Protagonisten
wollen es so. Wichtig für seine persönliche
Einschätzung sind die Besprechungen
aber allemal. Auch von ihnen
hängt ab, ob sich der niedersächsische
Fall konsolidiert. „Überschuldung entsteht,
wenn man für einen längeren Zeitraum
oder dauerhaft aus den Einnahmen
die Ausgaben inklusive der Kreditzahlungen
nicht mehr leisten kann“, definiert
Peter Zwegat sein Arbeitsgebiet aus dem
Stegreif. Betroffen seien davon nicht nur
sozial Schwache, sondern alle Schichten,
auch Akademiker. Der potenzielle Kreis
der möglichen Klienten ist groß.
Obwohl es der deutschen Wirtschaft
wieder besser geht, befürchtet Peter
Zwegat einen weiteren Anstieg der überschuldeten
Haushalte. Gegenwärtig fallen
etwa 3,5 Millionen in diese Kategorie.
Nach der Wende waren es noch 800 000
in der alten Bundesrepublik und rund
400 000 im Osten. „Und die Tendenz geht
weiter nach oben. Alljährlich liegt die
Steigerungsrate bei rund 10 Prozent“,
rechnet der Berliner vor.
Vor allem über die Menschen hinter
den Zahlen macht sich der Sozialpädagoge
seine Gedanken: „Es gibt immer drei
große Schuldenverursacher: Arbeitslosigkeit,
Krankheit und Scheidung“, stellt er
fest. „Die führen dazu, dass auch ordentlich
kalkulierende Haushalte plötzlich in
eine Schieflage geraten.“ Im Jahre 2005
gingen 40 000 Klein- und Mittelbetriebe
und einige wenige Großbetriebe pleite.
„Daran hängen“, sagt Peter Zwegat,
„nicht nur die Firmenwagen der Chefs,
sondern Tausende von Angestellten, die
plötzlich ihren Zahlungsverpflichtungen
nicht mehr nachkommen können.“
Wer in diese Lage kommt, fühlt sich alleingelassen.
„Die Leute sind schlicht
überfordert mit der Bewältigung ihres
Alltags. Vieles ist zu kompliziert, ob
Stromabrechnung oder Hartz IV. In welchem
Kaufhaus erhalte ich noch fachlichen
Rat?“, fragt der Schuldnerberater
und schickt eine soziologische Alltagsbetrachtung
hinterher: „Früher gab es im
Bus Schaffner, heute macht der Fahrer
beides: fahren und kassieren. Jeder muss
ständig erreichbar sein. Ich kenne Büros,
in denen Mitarbeiter nur noch digital
kommunizieren, anstatt einmal ins Nachbarzimmer
zu gehen. Gleichzeitig leben
wir in einer Situation, in der wir uns zu
Tode informieren können. Trotzdem
fehlt vielen Singles der Ansprechpartner.“
Ein Herz für Schwache sei seine Motivation,
sagt er. Doch bei der Arbeit dominiert
der Verstand. Er geht logisch vor
wie ein Schachspieler und minutiös wie
ein Chirurg. Auf die Diagnose folgt die
Operation und dann – bestenfalls – die
Heilung. Ob die Patienten als gesund ins
finanzielle Leben entlassen werden können,
hängt entscheidend von ihnen selber
ab. Gemeinsam mit den Betroffenen entwickelt
Peter Zwegat Lösungen. Macht
Vorschläge, erklärt Schritte, die unvermeidbar
sind. Dennoch sind viele Einschnitte
schmerzhaft. Nicht selten gibt es
Tränen beim Heilungsprozess. Ganz
gleich, ob der geliebte große Kombi gegen
einen praktischen Kleinwagen ausgetauscht
oder der Zweitfernseher verkauft
werden muss.
Jede Lage ist anders. Aber die Mission
von Peter Zwegat zeigt Betroffenen und
Zuschauern, dass es keinen Sinn ergibt,
die Probleme zu verdrängen. Die Dinge –
seien sie auch noch so aussichtslos – anzupacken,
das ist sein Leitsatz. Verschuldung
geht oft mit Lethargie einher: Da
bleibt jede Rechnung ungeöffnet liegen,
der Herd ist wochenlang kaputt, Fertigessen
reicht ja. Wenn der Berliner vorübergehend
die Haushaltsbuchhaltung übernommen
hat, wird auf jede Rechnung
reagiert. Eine verwahrloste Wohnung
lässt er mit Aufräumaktionen und Malerarbeiten
auf Vordermann bringen.
Den Vorteil der Dreharbeiten sieht
Zwegat darin, dass er einen Einblick ins
Leben der Hilfesuchenden gewinnt. „So
kann ich bessere Schlüsse ziehen. Sehe
womöglich Probleme, die Menschen lieber
verstecken möchten, wie Weinflaschen
unter dem Bett oder vermüllte
Häuser.“ Generell empfindet es der
Schuldnerberater aber als Glück, dass er
vor der Kamera nichts anderes macht als
tagtäglich in seinem Büro. Der Nachteil:
„Ich bin für die Beteiligten nicht so leicht
erreichbar, weil unsere TV-Fälle ja in der
ganzen Bundesrepublik spielen.“ Schockieren
kann Peter Zwegat in Sachen
Schulden wenig. Der Profi hat schon viel
gesehen. Anders so mancher Zuschauer,
dem beim Grad der Verschuldung – die
oft im sechsstelligen Bereich liegt – der
Atem stockt. Ein bisschen Voyeurismus
dürfte bei den Zuschauern auch dabei
sein, wenn Zwegat sich einen Weg durch
völlig zugestopfte Wohnungen bahnt.
Scheinbar günstige Kredite stehen am
Anfang des Dilemmas. Das Geld fließt oft
in kurzlebige Güter, die schon vor der
letzten Rate kaputt sind. Auch Häuslebauer
sind anfällig für unseriöse Finanzierungen.
„Manche nehmen einen hohen
Kredit für ihren Wohntraum auf, wollen
aber ein paar Euro bei der Verbraucherzentrale
sparen, die ihnen zu einem günstigen
und seriösen Kreditgeber verholfen
hätte“, sagt Zwegat.
Es klappt nicht immer, die Betroffenen
aus der Schuldenfalle zu befreien. Zwegat
sieht sich selbst nicht als Schulden-Superman.
„Es ist schon viel gewonnen, wenn
ich die Probleme deutlich lindern kann.
Ich verhandele mit den Banken, stoppe
eine drohende Kontopfändung, sodass
die Miete wieder bezahlt werden kann“,
sagt er. „Lauter Dinge, die das Leben der
Familien wieder angenehmer machen.“
Im Idealfall führt der Weg jedoch tatsächlich
„Raus aus den Schulden“. Sternstunden
gibt es für den erfahrenen Berater
auch: „Wenn ich jemanden, der es verdient,
in relativ kurzer Zeit mit wenig
Geld aus seinem Elend befreien kann.“
Seine Sendung, das ist ihm bewusst,
weckt Erwartungen, die normale Schuldenberatungen
kaum einlösen können.
Kollegen berichten ihm, dass Ratsuchende
sie bitten, es so zu machen wie der im
Fernsehen. „Das Medium hat dabei eine
hohe Glaubwürdigkeit. Die Leute hoffen,
dass dieser Guru schon alle Probleme
richtet“, sagt Peter Zwegat. Seriöse Beratungsstellen
haben jedoch lange Wartezeiten.
Wer Pech hat, wohnt in einer Region,
in der ein Berater auf 100 000 Einwohner
kommt. Ein Jahr Wartezeit ist da
keine Seltenheit.
Produziert wird die Sendung von Probono,
deren Geschäftsführer der frühere
Fernsehmoderator Friedrich Küppersbusch
ist. Glücklich also diejenigen, die
von den Medienprofis als fernsehkompatible
Problemfälle gecastet wurden?
„Gewisse Vorteile gibt es“, räumt der
Protagonist ein. „Wenn ich bei einer
Bank klingele und die weiß, draußen
steht eine TV-Kamera, lande ich nicht bei
einer Sekretärin, die mich abwimmelt,
sondern gleich beim Chef. Natürlich ist
das leichter, wenn ich mit den Belegen
vor ihm stehe, als wenn das alles nur per
Post geht. Und dann geht alles ziemlich
schnell.“ Unter normalen Umständen,
ohne Kamerateam im Rücken, muss
auch der Fernsehschuldenexperte den Instanzenweg
einhalten.
Für ihn steht trotz des Widerspruchs
zwischen Fernsehbild und Wirklichkeit in
seiner TV-Bilanz mehr auf der Haben- als
auf der Sollseite. Früher hat er Schulklassen
besucht, um dort vorbeugend über
Schulden aufzuklären. Heute erreicht er
mit einer einzigen Sendung fünf Millionen
Zuschauer. Sein eigentlicher Traum
ist allerdings eine eigene Stiftung. Für
Menschen in finanziellen Nöten. „Mit
ganz wenig Geld kann man verhindern,
dass der Strom abgestellt wird“, erklärt
Zwegat. Auch Politiker würde er gern in
die Verantwortung nehmen. „Diejenigen,
die Beratungsstellen zurückfahren und
damit Betrügern Tür und Tor öffnen.“
Raus aus den Schulden. RTL, mittwochs,
21.15 Uhr.
Internet: www.meine-schulden.de
Raus aus den Schulden