probono.tv - Fernsehproduktion GmbH
18.01.2010 BZ-Berlin: TV News
Pressespiegel epd medien: Strg Entf - neues Medium, neues Glück
Über Perspektiven des Informationsfernsehens / Von Friedrich Küppersbusch

Bei jeder Kindstaufe äugt der Pfarrer nach abgeschlossenem Zeremoniell in die Runde, schwenkt den Täufling elastisch vor sich und fragt geschmeidig, ob er das noch mal in die Kamera 2 machen solle. Wir sind eine Zivilisation von Selberdrehern geworden.
Abschnitte unseres Lebens scheinen nur noch zum Zwecke ihrer filmischen Dokumentation stattzufinden: Warum haben die Großeltern damals eigentlich geheiratet, wenn man das da eh noch nicht filmen konnte?
Spätestens mit dem 11. September 2001 besteht
erstmals ein Ereignis der Zeit-, sogar der Weltgeschichte wesentlich aus Sequenzen intuitiv hochgerissener Touristenkameras - neben fest installierten Wetterkameras und erst später herangeführtem Profi-Equipment. Schon bei den Terroranschlägen auf UBahnen und sonstigen öffentlichen Nahverkehr in London schickten eben noch als Foto-Agenturen agierende Firmen Scouts los: um den Leuten, die, aus gebombten U-Bahn-Schächten hochpurzelnd, sich eben noch Schock und Staub abzuklopfen versuchten, gegen bestes Gebot die Fotohandys abzukaufen.

"Was nahe am MMS-Mobiltelefon passiert"

Nach Concorde-Absturz, Hurrikan "Katrina" und dem Tsunami, deren erste Nachrichtenbilder ebenfalls aus Mobiltelefonen stammten, wurde diese Rohstoffgewinnung verstetigt: Das gemeinsame Portal "You Witness" der Agentur Reuters und des Online-Dienstes Yahoo versteht sich als "Möglichkeit, Amateurfotografen zu bezahlen, wenn ihre Bilder von Medien kommerziell genutzt werden". Der "Stern"
bietet mit "Augenzeuge.de" Ähnliches, die Community "View" beliefert das gleichnamige Print-Heft, und die Illustrierte "Max" bedient sich beim Portal "Flickr".
("Spiegel Online" 4. Dezember 2006: "Reuters will Amateurbilder vermarkten")
Positiv: Rupert Neudecks Wort, ein Thema, und sei es eine Katastrophe, sei nur, was maximal eine halbe Tagesreise im Jeep vom letzten Hotel mit westlichem Standard entfernt sei, muss ergänzt werden. Nach dem Zufallsprinzip ist Thema, auch Sensation und gar Politikgegenstand, was nahe genug an einem funktionierenden MMS-Mobiltelefon passiert.
Der Mangel an professioneller Güte so entstandener Arbeiten - Fotos, Videos - scheint durch erhöhte Authentizität ausgeglichen und überboten zu werden. Im Gegenteil! Längst hat sich grobpixeliges, schlierenverwischtes,
erkennbar technisch minderwertiges Material als neues Attribut von "Glaubwürdigkeit" durchgesetzt. Unschärfe und Überbelichtung also als digitales Dessous der Wirklichkeit.
Wenn Meldungen, Nachrichten, News - mit Sloterdijk gesprochen - "Erregungsvorschläge" sind, also schlicht Angebote, sich aufzuregen, sich emotional zu engagieren, in allerhand Geschmacksrichtungen mitzufühlen:
dann wird derzeit das Ausprobieren von Erregungsvorschlägen ein bisschen demokratisiert. Nicht mehr die rund 50.000 Erregungsvorschläge der Profis, wie Sloterdijk die tägliche Produktion der Nachrichtenagenturen
nennt. Sondern neben dieser - sozusagen:
journalistischen Schulmedizin - eine neue Welt
der analog so zu nennenden Unheil-Praktiker. Journalistische Medizinfrauen und -männer. Und wenn man in der Medizin sagt: "Egal - wer heilt, hat Recht", so endet und gipfelt dieser Vergleich halt in "Wer unheilt, hat Recht":
Im letzten Sommer haben wir zum Beispiel plötzlich, ohne statistischen Anlass (und schon vor der "Rütli-Schule") in allen Medien über "Schulhofgewalt" diskutiert.
War es die Existenz der MMS-Telefone in
Schülerhänden, die endlich Material vom Schulhof
lieferte, dem die öffentliche Wahrnehmung nicht
länger ausweichen konnte? Oder war es andersherum:
War das Thema mit Bildern genau so irrelevant wie ohne? Gibt es Schulhof-Prügeleien nicht exakt so lange, wie es Schulhöfe gibt?! Ist die Wahrheit über diesen Themen-Hype vielleicht schlicht: "Hey... Ihr habt doch gestern so brutal den Lucas gehauen... da hatte ich leider mein Handy nicht dabei. Heute hab' ich's mitgebracht..." Und dann kam Lucas in die Nachrichten.

"Gerhard-Schröder-grüßt-in-der-Badehose-Bilder"

Spätestens hier deuten sich neue Aufgaben für alte Journalisten an: Authentizitätsprüfung, Verifizierungen oder schlicht: Der Satz, "Wenn es von unserem Korrespondenten kommt, wird's schon stimmen", hilft gar nichts mehr, wenn die vermeintlichen News wesentlich daraus bestehen, dass jemand schneller war als der professionelle Korrespondent.
Erst recht, wenn die Entprofessionalisierung systematisch und professionell betrieben wird: Die eilends heraufbeschworenen "Bild-Leser-Reporter", die nach exakt diesem technischen Prinzip den "Bild"-Wühlschweinchen die Schmutzarbeit abnehmen sollten- wie Medienkritiker schnell aufschäumten. Vielleicht hätte man stattdessen gelassener abwarten sollen, bis die ersten "Bild"-Redakteure unter einer Flut von Gerhard-Schröder-grüßt-in-der-Badehose-
Bildern mit schwerem Augenkaries aus den Büros
getragen werden müssen. Die reflexartige Bereitschaft der kritischen Öffentlichkeit, "Bild"-Initiativen bitter zu beargwöhnen, hat sich das Blatt ausdauernd und mühevoll bearbeitet und soll deshalb respektiert werden.
Und es stimmt ja auch: Die redaktionelle Idee, die Realität nicht mehr mühevoll selbst zu dopen, sondern auch das den Lesern zu übertragen, die diese selbstgebastelten Erregungsvorschläge dann auch
noch glauben sollen - hätte in der Tat etwas von
publizistischem Kindesmissbrauch. Man bringt den Unmündigen bei, welchen Mumpitz man ihnen verkaufen möchte, und verlockt sie im zweiten Schritt, den auch noch selbst anzuliefern. Aber: Schritt drei schimmert da schon durch. Das einzig überflüssige Element in dieser Wertschöpfungskette ist: die initiierende
Zeitung. Wenn die Leute die Inhalte liefern und
konsumieren sollen, weist das Blatt, für seine Verhältnisse dezent, auf seine eigene Überflüssigkeit hin.

"Ein Heer freiwilliger Leibwäscherechercheure"

Der Versuch Springers, ein Heer freiwilliger Leibwäscherechercheure aufzustellen, kann also nüchtern und schaumfrei betrachtet werden: Zum einen zeigt "Bild" den treuen Stasi-Mitarbeitern unter seinen Lesern augenzwinkernd: "Es war ja nicht alles schlecht, damals..., aber ohne ,Bild' musste es leider schief gehen." Zum anderen, Wichtigeren, mag sich seither mancher "Bild"-Leser sagen: Den Scheiß kann
ich auch alleine. Und, drittens, am wichtigsten: Nach Radio und Fernsehen hat gerne auch der Print-Journalismus noch mal jedes Recht, sich mit der Brechtschen Radiotheorie jetzt auch sehr kostengünstig auf die Nase zu legen.
Die Sehnsucht, "jeder" möge "ein Sender, jeder ein Empfänger" sein, war schon zu Brechts Zeit technisch erfüllbar, und heute kostet der Radiobausatz weniger als ein Taschengeld. Und fast so wenig wie ein Internet-Zugang. Aber nach der Unterdrückung aller Radiofreiheit schon von, unter und in den Volksempfängern scheiterte Brecht noch einmal im Fernsehen:
Auch 50 Jahre später qualifizierte sich in den "Offenen Kanälen" des Fernsehens nicht die Weltrevolution, sondern bis heute oft Sektierertum, Abgedrehtes, Ehrenwertes und Halbprofessionelles.
In diesen vorprofessionellen Sphären wie "Freien
Radios" oder "Offenen Kanälen" findet sich, schade genug, häufig eher vorprofessionelles Handwerk als das, was gerade Profis klammheimlich erhoffen: Erfrischend
konstruktive Misstrauensvoten gegen das
eigene, etablierte, routinierte und festgefahrene Medienschaffen.
Diese Amateure zeigen uns Profis nicht,
wo es langgeht, sondern, wie gut sie uns nachmachen können. Emanzipatorisch ist daran wenig.

"Armutszeugnis für das Talent-Scouting"

Jetzt also: Brecht reloaded Teil III, auch im Netz:
Beispielhaft ist eine der meistbeachteten deutschen Internetseiten, das vielfach und zu Recht ausgezeichnete "Ehrensenf". Und das ist: vor allem eine der besten Fernsehsendungen, die jemals doch nicht im Fernsehen kamen. Von den Biographien der Macher bis hin zur fast vorklassischen Präsentationsform, der Ansagerin,
die im herkömmlichen Fernsehen längst ausgestorben ist. "Ehrensenf" als Internet-Sendung ist vor allem auch ein Armutszeugnis für das Talent-Scouting
der Sender.
Der Beweis, dass man nicht unbedingt 'ne verschnarchte Zeitung sein muss, um sich vom "Spiegel" das Beste wegschnappen zu lassen. Verschnarchte Sender kriegen das also auch hin. Ähnlich "Spam", die beispiellose Satire-Seite des ehemaligen Titanic-Chefredakteurs Martin Sonneborn. Seine dort unter anderen eingestellten TV-Beiträge wollte vor ein paar
Jahren, immerhin produziert von Harald Schmidt, kein deutscher Sender haben!
Auch der US-Vorläufer von "Ehrensenf", also "Rocketboom", erreicht inzwischen bis zu 300.000 Nutzer pro Tag: mit konventionellstem Fernsehen. In Spanien hat sich aus einem Werbeportal eines Mobilfunkanbieters das tägliche Netzjournal "Mobuzz" entwickelt, inzwischen in Spanisch und Englisch. Es überrascht, wie die anderen, mit interessanten, skurrilen News als Wortmeldung und Maz, und - revolutionär - Ansagerinnen.
Ähnlich besorgte der Internet-Versandhandel Amazon dem US-Talkheroen Bill Maher eine Talkshow. Maher war wegen als unbotmäßig bewerteter Fragen über den 11. September von ABC gefeuert, seine legendäre Show "Politically Incorrect" eingestellt und anschließend
im PayTV HBO versteckt worden. Als "amazon
fishboul" führte er eine Online-Talkshow, die sich von seinen früheren TV-Shows allenfalls dadurch unterschied, dass man die Bücher, Videos, CDs seiner Talkgäste sofort per Mausklick bestellen konnte, logisch.
Dass ein anstößiger Talkmaster eher auf den Schirm darf, um Bücher zu verkaufen, als um der Meinungsfreiheit willen - um das 'rauszukriegen hätte man möglicherweise auf die dann doch sehr aufwändige Erfindung des Internets verzichten können.
Das ebenfalls amerikanische Angebot "The Political Zing" befasst sich seit Oktober 2005 als eine Art "Bush-Vlog" mit dem US-Präsidenten. Also nachkommentierte oder satirisch aufbereitete Clips von Bush- Auftritten und Taten. Schließlich das französische
"poliTIC Show", das genuine Möglichkeiten des Netzes nutzt, indem es Roh- und Drehmaterial und bis zu 120-minütige unbearbeitete Interviews von LePen bis Sarkozy ins Netz stellt.
Schließlich, natürlich, "current.tv" von Al Gore. Die
Idee, einen ganzen Fernsehsender programmlich mit dem zu bestücken, was eine höllenaktive Nutzerschar voll demokratischem Mitteilungsbedürfnis auf die zugehörige Internetseite stellt. Im Programm sah ich
Surfmagazine und Präsentationen von Schlagersängern auf current.tv, also, eine unbequeme Wahrheit:
Es läuft noch nicht.
Schon diese schüttere und zu vervollständigende Liste politischer oder wenigstens zeitkritischer Konvergenzformate im Internet deutet an: Es wäre schön, wenn mal wieder der Schweinekapitalismus Schuld wäre, dass die ganzen Hoffnungen trügen. Es könnte aber
auch an einem viel schwierigeren Gegner liegen: an der menschlichen Natur, die so interaktiv nicht ist, wie die Technik das zu ermöglichen scheint.

"Trägheit des Publikums"

Der Kapitalismus, freilich, waltet ordnungsgemäß
seines Amtes: Google kauft YouTube, und dagegen eröffnen NBC und NewsCorporation ihre eigene Plattform. Und die RTL Gruppe eröffnet, ebenfalls als Filmund Ideensammelstelle, "Clipfish", und die ehemalige Saban-Gruppe kaufte vorher noch schnell "MyVideo".
Die Fernsehkonzerne kaufen mit diesen Video-
Portalen im Internet letztlich allerhand Zeug für teures Geld zurück, das ihnen sowieso gehört.
Oder in Comedy-Dimension gesprochen: Es ist 'n
bisschen so, als ob der ADAC für Höchstpreise polnische Gebrauchtwagen aufkaufte. Sortieren die glücklichen Käufer ihre Erwerbungen, werden sie vieles aus Rechtegründen wegschmeißen müssen und mit dem Rest allerhand Amateur-Video-Shows wie "Uuups" bestücken können. Umgekehrt werden Serien vorveröffentlicht, per viralem Marketing Programmhinweise möglichst anonym im Grundrauschen versenkt.
Dass die Sender das Netz als neue Materialquelle und ergänzendes Marketinginstrument erkennen, ist nicht ehrenrührig. Als Talentschmiede ist es beinahe noch unterbewertet, und als Untergangsszenario heillos überschätzt. Der - neben Brecht - andere große deutsche Revolutionär der Ästhetik, also Konrad Adenauer,
sagte: "Mann soll sisch keine anderen Menschen
wünschen - et jitt nur die." Ob die Trägheit des Publikums, das schiere Bedürfnis, nicht kommunizieren zu müssen, am Ende der stärkste Verbündete des herkömmlichen
Fernsehens sein wird, ist nicht auszuschließen.
Dieser hier nun vorgetragene Kosmos an Gedanken, tiefen philosophischen Einsichten und kommunikationswissenschaftlichen Ideen beseelte uns. Als wir dem Sender Premiere vorschlugen: "Ey, lasst uns doch 'ne
lustige WM-Fan-Serie machen". (Als Zuschauer merkt man oft gar nicht, was da so alles dahintersteckt.) Mit der Entscheidung für Sönke Wortmanns "Sommermärchen" hatten DFB und Fifa und KlinsmannLöw-Bierhoff und alle weiteren Zensurbehörden klargemacht:
Es wird nur einen direkten Dokumentarfilm
aus den WM-Stadien geben, und der war damit vergeben.
Also: Wer kann uns illegal Material aus den
Stadien besorgen, welche Aspekte der WM unterliegen nicht der Fifa2006Trademark-Diktatur, und, gewagt:
Kann man, neben der verordneten, eine WMGegenöffentlichkeit herstellen?
Wir bekamen über 1500 Filme von Zuschauern zugesandt, machten daraus 31 tägliche kurze Nachrichtensendungen und einen einstündigen "WM von unten"-Dokumentarfilm. Kurz: Hätten wir heute soziale Bewegungen wie Anfang der 80er, Anti-Atom, Frieden, Stoppt Nachrüstung, Frauen, Bürgerrechte, Umweltschutz,
Krefelder Appell - wir hätten das technische
Mittel, sie selbst Fernsehen machen zu lassen.
Aber, und darin findet mein Beitrag ein versöhnlichvaterländisches Ende: Was ist schon der Weltfrieden gegen eine Fußball-WM?

epd Friedrich Küppersbusch (46) ist
Geschäftsführer der Fernsehproduktionsfirma
probono. Bekannt wurde er als Moderator der
Fernsehsendungen "Zak" (1990-1996) und
"Privatfernsehen (1996-1997).